Wolfskins Tagebuch Teil 5

Sonntag, 01.05.2016

Nun ist schon wieder eine ganze Woche vergangen. Der Frühling hat Einzug gehalten, und wir haben wunderschönes Wetter draußen. Es tut mir in der Seele weh zu sehen, wie Shunka draußen umhertollt und Wolfskin nicht dabei ist...

Ich habe Wolfskin ohne Probleme sein Halsband ummachen können, und am Montag dann die kurze Leine rangemacht. Es sollte dann irgendwann die lange Schleppleine dran, damit er sich ohne Druck am Hals frei in seinem Gehege bewegen kann. So der Plan.

Aber Wolfskin will nicht raus. Er bleibt am liebsten drin, entweder im Badezimmer oder auf seinem neuen Lieblingsplatz unter meinem Schreibtisch. Er macht dort so einen zufriedenen und geborgenen Eindruck, dass ich mich manchmal frage, ob ihm bei seinem Alleingang ein paar Dinge klar geworden sind...  Nun ja, jedenfalls kann er sein Geschäft -klein und groß- den ganzen Tag anhalten, notfalls auch zwei, nur um nicht unbedingt raus zu müssen. Allerdings ist wohl eher ein anderes Ereignis daran schuld.

Am Montag fuhr ich wie immer in der Mittagspause von der Arbeit nach Hause. Wolfskin wartete schon im Flur, anscheinend wollte er tatsächlich raus! Ich machte ihm seine kurze Leine ans Halsband (dies funktioniert momentan nur, wenn er irgendwo in einer Ecke liegt und sich sicher fühlt) und ließ ihn ins Treppenhaus, wo ich ihm die lange Leine einfach anhängen wollte, so wie es schon einmal gut geklappt hatte. Allerdings hatte ich ihm damals die Schleppleine draußen an die kurze Kette drangemacht und nicht im Flur.

Bis dahin war Wolfskin ruhig und überhaupt nicht aufgeregt oder ängstlich. Aber beim Anblick der langen Schleppleine bekam er diesmal solche Panik, dass er anstatt wieder in die Wohnung zu flüchten das Gitter zur Kellertreppe durchbrach, es regelrecht aushebelte, und im Untergeschoss mit seinen 6 offenen Räumen verschwand. Große Sch....    ! Ehe ich die Maus von dort wieder hoch hatte, verging eine Dreiviertelstunde.   Natürlich katapultierte uns das wieder um Tage zurück, und ich ärgere mich über mich selbst, dass ich der Forderung, Wolfskin nicht mehr ohne Leine ins Gehege zu lassen, nachkommen wollte. Er ist einfach noch nicht so weit, und wir gehen es nun noch einen Zacken langsamer an. Babyschritte, ein kleiner nach dem anderen. Er hat mittlerweile ein ganzes Stück Vertrauen aufgebaut, und das werde ich unter keinen Umständen zerstören. Wir geben ihm die Zeit, die er braucht, er hat schon genug Schlimmes erlebt.

Um mal zu schauen, was unsere Mäuse so treiben, während wir auf Arbeit sind, habe ich eine Überwachungskamera bestellt. Noch bin ich zu doof, sie zu installieren aber ich bin guter Hoffnung, dass ich das hinbekomme...   Und ich hoffe auch, dass ich nicht unbedingt solche Bilder zu sehen bekomme, hahaha....

Donnerstag, 12.05.2016

Es geht voran. Wolfskin wird immer zutraulicher, mutiger, interessierter. Er geht wieder regelmäßig mit raus; meist wartet er schon im Flur auf mich, wenn ich von der Arbeit komme. Wir haben geübt, das Halsband ranmachen und abmachen und ran und ab. Manchmal geht es richtig gut, an anderen Tagen fällt er in seine Angst zurück. Aber diese Tage werden seltener. Wolfskin baut immer mehr Vertrauen auf. Wenn wir nach draußen gehen, wartet er ruhig neben mir, bis ich die Haustür öffne. Wir haben dann auch die Tür zugemacht, damit er nicht gleich wieder zurück ins Haus rennt und sich in seiner Ecke verkriecht. Die ersten Male lief er dann total aufgeregt und verunsichert am Zaun entlang, immer sehnsüchtig den Blick auf die geschlossene Tür gerichtet. Auch das hat sich schon gebessert. Er akzeptiert die geschlossene Tür und kann sich sogar soweit entspannen, dass ich ich ohne Probleme neben ihm hinhocken und ihn bürsten kann. Das hat der kleine Genießer gerne! Die letzten Tage war es sogar so, dass er trotz offener Haustür nicht gleich wieder nach oben gesprungen ist, nachdem er sein Geschäft gemacht hat. Wolfskin ist im Vorhäuschen stehengeblieben und hat sich ausgiebig streicheln lassen. Noch vor wenigen Wochen wäre das undenkbar gewesen! Ich habe immer mehr das Gefühl, dass er sein Leben gar nicht so schlecht findet ...  Die Jahre in Rumänien haben ihn geprägt. Zusammen mit 800 Hunden im Lager der Tierschutzorganisation, immer Lärm, Kampf ums Futter und ein ruhiges Plätzchen. Ich glaube, er genießt es jetzt, dass er seine Ruhe hat, immer einen schönen Platz zum Ausruhen und Futter für sich ganz allein. Und jede Menge Aufmerksamkeit und Streicheleinheiten. Und wenn wir erst mal noch das Leinenproblem gelöst haben, wird sein Leben mit Spaziergängen und Umhertollen so richtig schön. Er weiß es nur noch nicht...  

Mittlerweile liegt er am liebsten neben meinem Bett unter dem Schreibtisch. Das ist seine Burg, sein Platz wo er sich sicher fühlt. Fast jeden Abend lege ich mich mit ihm eine halbe Stunde unter den Tisch, und ich erzähle ihm von meinem Tag und streichle ihn. Wolfskin entspannt sich dabei total, machmal schläft er sogar fast ein. Nehme ich meine Hände weg, schießt sein Kopf nach oben und er schaut mich fragend an. Kein Wegdrehen mehr, keine Hab-Acht-Stellung.  Und das ist so ein schönes Gefühl. Tagsüber hat er es sich angewöhnt, sein Ruhelager auf mein Bett zu verlegen. Anfangs habe ich es nur daran gesehen, dass jede Menge Haare darauf und die Zudecke eingedellt war. Sobald er die Wohnungstür gehört hat, ist er schnell in seinem Versteck verschwunden. Doch letztens habe ich ihn auf frischer Tat ertappt. Ich habe nicht geschimpft, ihn nicht runtergejagt und lieb mit ihm geredet. Seitdem stört es ihn nicht mehr, wenn er auf dem Bett erwischt wird :-)  Aber er lässt es noch nicht zu, dass ich mich daneben setze, da springt er noch runter. Jetzt kommt Wolfskin auch schon häufiger zu uns, einfach mal so gucken, was wir machen. Plötzlich taucht er in der Küche hinter mir auf, oder kringelt sich in Josys Minikörbchen im Wohnzimmer zusammen, wenn wir abends auf der Couch liegen. Möglicherweise sucht er ja schon unsere Nähe?

Kommendes Wochenende werde ich wieder versuchen, ihn im Gehege an eine eine lange Leine zu gewöhnen. Einfach nur ans Halsband machen und die Leine liegenlassen. Was heißt einfach - alles was bei anderen Hunden Freudentänze auslöst ist für Wolfskin ein harter Kampf mit sich selbst und seinem tief sitzendem Trauma. Aber wir schaffen das. Er ist ein so toller Junge, und wir haben in den 8 Wochen, in denen er jetzt bei uns ist, schon viel erreicht. Was sind 2 Monate im Verhältnis zu vielen Jahren Hundeelend?

Man sucht sich halt das kleinste aller vorhandenen

Körbchen aus .... da müssen die Beine eben draußen

bleiben! :-)

Freitag, 13.05.2016

Heute morgen hatte ich ein tolles Erlebnis mit meinem Wolfskin... Er lässt sich ja mittlerweile schön streicheln und anfassen. Kein Problem. Seit einigen Tagen hat er sich mein Bett in meinem Zimmer als Liegewiese auserkoren, aber immer nur, wenn niemand zu Hause ist. Er fühlt sich dort nicht sicher genug, so ganz ohne Versteckmöglichkeit, ohne "Dach" überm Kopf und ohne Höhlenfeeling. Deshalb ist er bis jetzt immer runtergesprungen, sobald ich ihn "ertappt" habe. Heute früh ist dann etwas ganz schönes passiert, schaut selbst im Video! Noch etwas skeptisch, aber weniger gegen meine Person als gegen den Gedanken, dass er sich dort vielleicht nicht aufhalten darf... Natürlich darf er, wenn er mich auch mit in MEIN Revier lässt. Er hat es verstanden, und gestern abend hat er nicht mal den Kopf gehoben, als ich mich neben ihm ausgestreckt habe! Das ist so ein herrliches Gefühl, das wahrscheinlich nur andere Besitzer von Angsthunden nachvollziehen können, die wissen, wie glücklich man über den winzigsten Schritt nach vorn ist. Und wie happy, sich ohne Probleme seinem eigenen Bett nähern zu dürfen, hihihi....

Sonntag, 22.05.2016

Über eine Woche ist seit meinem letzten Eintrag hier vergangen. Eine Woche ohne tiefgreifende Veränderungen, aber mit vielen kleinen, wichtigen Schritten nach vorn.

Wolfskin wird immer zutraulicher. Ich muss nicht mehr vorsichtig und seitlich an ihn herantreten - ich kann ganz "normal" auf  ihn zugehen, ohne dass er kehrt macht und in seiner Ecke verschwindet. Er steht manchmal einfach nur da und wartet, bis er gestreichelt wird.  Natürlich wartet er nie umsonst ;-)  Auch das Leinentraining machen wir weiter. Mittlerweile lässt er sich ohne Probleme sowohl die kurze als auch an die lange Leine anlegen. Und das ist ein riesiger Fortschritt!  Bis vor kurzem musste ich nur mit der Leine oder Kette in seine Nähe kommen oder er hat das Schnappen des Karabiners gehört - da war er nur noch ein zusammengerollter Fellhaufen in der hintersten Ecke. Wir haben das geübt und geübt, jetzt bleibt er ruhig sitzen oder liegen oder sogar stehen, wenn ich die Leine einhänge. Ich kann sie auch hochheben, über seinen Kopf und über den Rücken. Kein großes Problem mehr. Nur das Laufen daran ist ihm noch nicht geheuer. Er legt sich einfach flach hin und bleibt liegen. Am liebsten vor der geschlossenen Haustür, immer mit sehnsüchtigem Blick darauf, dass sie bald aufgehen möge und er das lästige Ding an sich los ist...  Wenn ich ihn zu einigen Schritten motivieren kann, freue ich mich wie ein König. Aber seine Haltung ist dabei geduckt und ängstlich, immer am Zaun entlang. Eben vollkommen typisch für einen Angsthund. Aber das wird, das kriegen wir hin. Bald werden wir mit ihm rausgehen, raus aus dem Gehege. Das ist es, was er braucht. Mit der langen Schleppleine, lose und ohne Druck am Hals. Dann wird er die Leine als Folterinstrument bald vergessen können und begreifen, dass "draußen" nicht nur doofes Leinentraining ist, sondern superschön und interessant! Toben mit Shunka auf der Wiese - er weiß ja von seinem "Ausflug", wie schön das ist. Und bald wird er wissen, dass die Freiheit "draußen" und sein sicheres und komfortables "drinnen"  miteinander verbunden sind und er nicht mehr von hier weg muss.

So ein Platz in der Sonne ist doch was feines!

Sonntag, 05.05.2016

Wieder ist eine ganze Menge passiert in den letzten beiden Wochen. Wolfskin macht so tolle Fortschritte! Vorige Woche zum Beispiel kam ich von der Arbeit, und wie meistens stand Wolfskin im Flur und hat gewartet bis die Tüur aufgeht. Doch diesmal - ich hab meinen Augen fast nicht getraut!- hat er doch tatsächlich mit dem Schwanz gewedelt! Nicht dieses Ganzkörper-Schütteln wie es Shunka in ihrer Freude veranstaltet, aber doch eine kurze, aber deutlich sichtbare Schwanzbewegung. Ich war total glücklich.

Letzten Sonntag haben wir es dann das erste Mal gewagt und mit Wolfskin an der Kettenleine das Gehege verlassen.  Es war furchtbar. Die ganze Bandbreite des Angsthund-Verhaltens haben wir erlebt. Auf den Boden schmeißen, rollen, in die Leine beißen (deshalb zum Glück Kette!), versuchen, sich irgendwo zu verkriechen. Es ist so schlimm, wenn man das sieht und versteht, was der arme Kerl hat erleben müssen, um solch eine Panik zu empfinden. Doch gleichzeitig darf man kein Mitleid haben, sondern muss ruhig und entspannt Sicherheit und Souverenität ausstrahlen - und das ist nicht einfach, wenn einem das Herz vor Mitleid fast überfließt! Jeder Schritt wurde gelobt, zwischendurch gestreichelt und Ruhepause. Es war auch nicht so einfach, Wolfskin wieder Richtung Gehege zu bringen, aber die letzten Meter flüchtete er fast hinein - rein in die Sicherheit. Wir müssen noch ein bisschen etwas an Halsband und Leine verändern, bis wir den nächsten Versuch starten - die Kette ist einfach zu schwer und unhandlich. Nun hatten wir gedacht, dass er die nächsten Stunden sicher nichts mehr mit uns zu tun haben will - weit gefehlt! Von Stund an ist Wolfskin noch anhänglicher geworden!  Er kommt mit auf den Balkon,  kommt ganz nah an die Couch und lässt mich kaum aus den Augen.

Auch gestern hatten wir  wieder zwei wunderbare Erlebnisse: Wir hatten Besuch von unserem Mieter, und Wolfskin ist nicht in seine Ecke geflüchtet! Nach einigen Minuten hat er sogar huldvoll Marcos Eislöffel abgeschleckt! So nah ist er noch nie an Fremde ran gegangen. So herrlich!! Und die zweite "Sensation": Zum allerersten Mal hat Wolfskin in aller Ruhe, ohne nervöses Umherschauen, bei geschlossener Haustür im Gehege ein Schweinsohr vertilgt. Bisher hat er vor lauter Nervosität draußen kaum etwas leckerlimäßiges angenommen, höchstens etwas Leberwurst. Was schnell geht und man nicht abgelenkt ist. Doch gestern und heute - ganz entspannt hat er sein Schweinsohr gekaut, sogar mit einer unentschlossenen Josy an seiner Seite, die nicht so recht wusste, ob sie mit dem zugeteilten Schweineschwänzchen Vorlieb nehmen oder sich lieber Wolfskin Schweineohr aneignen soll... Denn das ist kein Problem - Wolfskin zieht sich sofort zurück, wenn jemand an sein Futter geht. Aber er hat es behalten dürfen und hat es genossen!

Einen winzig kleinen "Zwischenfall"  hat es gegeben, den ich aber unter all den vielen Fortschritten getrost als nicht relevant und angesichts hunderter ähnlicher Videos im Internet als hundetypisches Verhalten abtue. Ich musste mein Bett abziehen, weil jemand (dessen Name bekannt ist) mit sehr schmutzigen Pfoten mein Bett als Trampolin benutzt hat. Die blanke Matraze hat sich dann anscheinend hervorragend als Zeitvertreib geeignet. Auch wenn ich den Übeltäter nicht auf frischer Tat ertappt habe, ließ das schlechte Gewissen in den Augen und diverse Schaumstoffreste zwischen den Zehen keinen Zweifel daran, dass Wolfskin von Langeweile übermannt worden war.  Was solls - es war nur die obere Schaumstoffschicht der Matraze. Also das Ding umgedreht und behoben war der Schaden.

Auch habe ich festgestellt, dass Wolfskin immer die Hundedecke auf meinem Bett zur Seite wühlt, um sich auf mein Kopfkissen zu legen. Was gibt es da großartig nachzudenken? Ich habe doch mehr als ein Kopfkissen im Hause, also habe ich meines an Wolfskin abgetreten, und er schläft jetzt selig in seiner Ecke unter meinem Schreibtisch - natürlich auf meinem Kopfkissen und wie immer in der Nähe aller möglichen Kabel und Leitungen. Herrlich.