Wolfskins Tagebuch Teil 9

Donnerstag, 29.12.2016

29.12.2015 - Heute vor einem Jahr habe ich Wolfskin das erste Mal gesehen. Auf Fotos aus dem Auffanglager in Rumänien. Ein Bein fehlt, sein Fell ist verfilzt und hängt in Fetzen an ihm herunter. Er ist ziemlich dünn, und er hat Angst. Lässt sich kaum berühren - kein Wunder, nach allem was er erlebt haben muss. Und ich habe sofort mein Herz an ihn verloren.

Es ist soviel seitdem passiert. Wolfskins erster Winter ohne Hungern und Frieren, sein erstes wirkliches Weihnachtsfest mit Lichterglanz und dieser ganz speziellen Stimmung. Spaziergänge im Schnee, die er genießt, weil er weiß, dass er danach wieder in sein Zuhause und damit in die Geborgenheit zurück darf.

Wolfskin ist unser Sonnenschein; er hat meinem Leben ein neuen Sinn gegeben und lässt mich vieles mit anderen Augen sehen.  Mittlerweile ist seine Anhänglichkeit zu mir jeden Augenblick spürbar,  sein Vertrauen macht mich glücklich und stolz. Ich kann in seinen Augen soviel Ergebenheit und Liebe sehen, wie ich es nie für möglich gehalten hätte.

Die Praxis sieht jetzt so aus, dass Wolfskin überall ist, wo wir sind. Bin ich in der Küche, liegt er irgendwo mittendrin. Habe ich es mir auf dem Sofa gemütlich gemacht, liegt er irgendwo in der Nähe; immer so, dass er mich im Auge hat. Gehe ich in den Keller, kommt er hinterher. Er schläft in seiner Ecke unter dem Schreibtisch neben meinem Bett und geht mit mir nach dem Aufstehen ins Bad. Freudig lässt er sich Halsband, Leine und Reflexhalsband anlegen und geht mit nach draußen.  Er wartet geduldig, bis die Autotür offen ist und er in seine Box springen kann, um mit uns irgendwo hinzufahren, wo wir richtig schön spazieren gehen können. Er tobt jetzt mit seiner Shunka umher, schlägt Haken und flitzt übermütig durch die Gegend. Fremden gegenüber ist er nicht mehr ängstlich, eher neugierig. Andere Rüden bellt er auch schon mal an, aber nur kurz. Dann ist er neugierig und schnuppert nur noch. Vor dem Haus in den Garten und zum Auto lassen wir ihn ohne Leine laufen - er macht nicht ansatzweise Anstalten, sich von mir wegzubewegen. Er läuft entweder direkt neben mir oder schnurstraks ins Auto oder zur Haustür. Niemals zögert er.

So gerne Wolfskin nach draußen und auf Tour geht - noch lieber will er wieder nach Hause. Er genießt das Draußensein, aber man merkt ganz deutlich, dass er gern wieder nach Hause will.

Einige Dinge sind mir aufgefallen:

Wolfskin ist Geräuschen gegenüber ziemlich abgehärtet. Ihn stört fast nichts, ich kann ihn sogar mit dem Staubsauger wegschieben!

Er mag keine weißen Transporter. Und er wird ängstlich, wenn wir an der Straße laufen und ein Auto neben mir anhält. Das mag er überhaupt nicht. Diese beiden Tatsachen lassen wohl so einiges vermuten...

Ansonsten ist Wolfskin fast ein ganz normaler Hund - nur viel dankbarer und ergebener als es je ein Hund sein kann, der nie Schlimmes erleben musste.

Wir werden weiter unseren gemeinsamen Weg gehen, der hoffentlich noch sehr lang ist.

Ein aufregendes Jahr mit einem wunderbaren Tier. Ich glaube der richtige Zeitpunkt, um mein Tagebuch vorläufig zu schließen.

- Ende -